Exposé 3

Häusliche Gewalt und Migration: Ein Problem der kulturellen Differenz?


von Annemarie Sancar

Häusliche Gewalt kommt auch unter MigrantInnen vor. Die Frage stellt sich, ob die Herkunft der Täter für den Hergang relevant ist und wenn ja, warum. Es wird oft angenommen, dass die kulturelle Zugehörigkeit ausschlaggebend ist, dass Männer schneller Gewalt anwenden als dies unter Einheimischen der Fall ist. Begründet wird die Annahme damit, dass diese Männer aus patriarchalischen Kulturen stammen, wo Gewalt ein übliches Konfliktlösungsinstrument ist und wo Frauen sich einer solchen Praxis unterstellen.

Im Referat will ich zeigen, dass diese Betrachtungsweise stark verkürzt ist und auf einer Anzahl Unterstellungen beruht, die einer genauen Überprüfung nicht standhalten. Einerseits leben MigrantInnen unter erschwerten Alltagsbedingungen, ihre Integration wird wiederkehrend in Frage gestellt dadurch, dass sie als Nicht-BürgerIn jederzeit und ohne hohen Legitimationsdruck ausgegrenzt werden können. Andererseits werden MigrantInnen aufgrund der Tatsache, eingewandert zu sein, als Nicht-Dazugehörige beschrieben, deren Aufenthalt aus der Sicht des Nationalstaates vorerst also Irritation bedeutet. Der Staat kann unterschiedlich damit umgehen und je nach Konjunktur kann er die Folgen von (hausgemachten) gesellschaftlichen Spannungsfeldern auf diese Tatsache der Anwesenheit von MigrantInnen zurückführen.

Werden Migranten gewalttätig, wird der Blick daher gerade nicht auf die Tat eines Individuums in einer bestimmten Situation gerichtet, sondern auf dessen Fremdsein, auf dessen fremde Kultur. Solche Verkürzungen sind möglich, weil den MigrantInnen die Fähigkeit individueller Selbstreflexion abgesprochen wird. Migranten, die häusliche Gewalt anwenden, handeln - aus dieser Sicht - nicht als Individuen (die eigentlich auch anders handeln könnten) sondern als Gefangene ihrer Kultur, die nicht voll zurechnungsfähig sind. Solche Taten werden plausibilisiert, indem die Täter im Paradigma der patriarchalischen Abstammungskultur beschrieben werden - unabhängig davon, wie sie sich sonst im Leben verhalten.

Diese Perspektive verschliesst Anschlussmöglichkeiten der Prävention und Konfliktbearbeitung, sie lässt Raum für Spekulation und Ungleichbehandlung und verhindert professionelles Vorgehen. Schliesslich verschleiert sie auch die in unserer eigenen Gesellschaft angelegten patriarchalischen Traditionen, welche die Wahrnehmung von häuslicher Gewalt prägen.

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