Exposé 6

Gewaltprävention - eine integrationspolitische und interkulturelle Aufgabe


von Kenan Güngör

Das Referat beleuchtet verschiedene Formen der Gewalt im Allgemeinen und durch Migrantinnen und Migranten im Speziellen und geht der Frage nach, welche Optionen und Chancen eigenethnische Netzwerke und Ressourcen für die Präventions- und Interventionsarbeit bieten könnten.

Das Phänomen der Gewalt an sich verweist dabei auf ein komplexes Gefüge anthropologischer, lern- und sozialisationstheoretischer wie auch deprivationsbezogener Bedingungen. In der konkreten Situation jedoch spielen Gelegenheitsstrukturen, das relationale Machtgefüge und Muster der Konfliktbewältigung eine zentrale Rolle. Die soziale und kulturelle Deutung von Gewalt und der damit verbundene Ächtungsgrad in der Gesellschaft jedoch kann je nach sozialer Lage, Bildungsgrad, Herkunft wie auch der erlebten Dissonanzdichte variieren.

Zugewanderte – insbesondere aus den Drittländern – sind aufgrund ihrer vergleichsweise schlechteren sozioökonomischen Positionierung im Zuzugsland, wie auch aufgrund sozialer und kultureller Transformationen enormen Anpassungsleistungen mit hoher Stress- und Dissonanzdichte ausgesetzt. Im Spannungsbereich zwischen Anerkennung und Marginalisierung müssen sie neben den alltäglichen Belastungen die sozio-kulturellen und identitären Unterschiede und Brüche zu ihrer Herkunftskultur bewältigen. Es ist anzunehmen, dass je höher die adaptive Dissonanzdichte und je geringer die Problembewältigungskompetenzen und der Ächtungsgrad von Gewalt innerhalb einer sozialen bzw. ethnischen Gruppe ist, die Gewalthemmschwellen abnehmen und die Wahrscheinlichkeit möglicher Gewalthandlungen steigt. Insbesondere Anerkennungskämpfe, die kulturell-identitäre Kernelemente in Frage stellen – diese können z.B. bestimmte Ehrkonzepte, Männlichkeitsbilder oder auch religiöse und nationale Bindungen sein – sind dafür besonders anfällig. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nicht jede Differenz konfliktlastig ist, wie auch die Zuwanderung nicht per se als defizitäres Problem betrachtet werden kann, sondern dass daran auch beachtliche Chancen gekoppelt sind.

Das Referat versucht in diesem Zusammenhang Ansätze zu finden, wie in Ergänzung der präventiven und intervenierenden Arbeiten mehrheitsgesellschaftlicher Institutionen, die Ressourcen des Einzelnen und der «Community» samt ihrer Netzwerke dahingehend genutzt und gestärkt werden können, dass eine Gewaltminderung bei Zugewanderten erreicht wird. Die besondere Problematik besteht hierbei darin, dass solche «communtiybasierten» präventiven Ansätze vielfach unter Rahmenbedingungen greifen müssen, die eben jene gewaltfördernden Strukturen selber reproduzieren, zum Teil aber auch diesen entgegenwirken. Es geht also um eine differenzierte, potentialorientierte Betrachtung der «Communities», ohne die ambivalente Doppelstruktur der Bedingungsverhältnisse und Folgen ausser Acht zu lassen.

In diesem Zusammenhang gilt es auch jener sonderbaren Ambivalenz Rechnung zu tragen, in dem graduelle Integrationsleistungen nicht nur positive, sondern – kurz und mittelfristig – auch negative Folgen, wie die Zunahme von Gewalt nach sich ziehen können. Gewalt ist dann, nicht nur wie gemeinhin angenommen, ein Phänomen der Desintegration, sondern Teil einer mit starken Dissonanzen und Friktionen behafteten graduellen Integration.

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Eine Textsammlung der Referate des 9. AGAVA-Kongresses zum Thema Menschen-Handel und Menschen-Ausbeutung in der Schweiz vom 3./4. September 2010

 

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