Exposé 7

Lernprogramm mit Ausländern als Präventionsinstrument


von Alex Schilling

Der Bewährungsdienst Zürich führt seit 1999 deliktorientierte Lernprogramme mit Straffälligen durch. Die Teilnahme ist nicht freiwillig, sondern wird im Rahmen eines Strafbefehls oder Gerichtsurteils auf der Grundlage einer Weisung nach Artikel 41 StGB angeordnet. Das Lernprogramm "Partnerschaft ohne Gewalt" gehört zu diesem Angebot. Es richtet sich an Männer, die im Rahmen einer Partnerschaft Gewalt angewendet haben. Das Programm umfasst Einzel- und Gruppengespräche, es wird von zwei Gruppenleiter/innen durchgeführt, pro Gruppe nehmen sechs bis acht Männer teil.

Das Training basiert auf kognitiv-verhaltenstherapeutischen Prinzipien. In mehreren Lernschritten, die aufeinander aufbauen, lernen die Teilnehmer, über ihre gewalttätigen Handlungen zu sprechen, Verantwortung für Ihre Tat und für das Verhindern eines Rückfalls zu übernehmen, Zusammenhänge zwischen persönlichen Schwierigkeiten und der Gewalthandlung zu erkennen und sich persönliche Veränderungsziele zu setzen. Das Training konzentriert sich auf die Verbesserung der Selbstkontrollfähigkeit, den Umgang mit negativen Gefühlen und der Förderung der Fähigkeit, partnerschaftlich zu denken und zu handeln. Den Abschluss bildet die Entwicklung eines individuellen Handlungsplan für jeden Teilnehmer, der beinhaltet, in welchen Situationen ein besonderes Rückfallrisiko besteht, wie der Mann das Entstehen einer solchen Risiko-Situation möglichst frühzeitig bemerken kann, welche Möglichkeiten er hat, das Entstehen einer solchen Risiko-Situation und vermeiden und, falls sie nicht vermeidbar ist, mit welchen persönlichen Mitteln er dafür sorgen kann, in dieser kritischen Situation nicht rückfällig zu werden.

Ein besonders Merkmal des Programms ist seine Fokussierung auf klärungs- und motivationsbezogene Interventionen. Da in der Regel kein Teilnehmer freiwillig am Lernprogramm teilnimmt und die Erfahrung zeigt, dass Verhaltensänderungen, die aufgrund äusseren Drucks stattfinden, nicht nachhaltig sind, sondern bei Nachlassen der äusseren Kontrolle wieder verschwinden, wird im Lernprogramm besonders viel Gewicht auf die Förderung einer eigenständigen Motivation, etwas bei sich und in seinem Leben zu verändern, gelegt. Die im abstand von jeweils drei Monaten geführten drei Nachgespräche mit jedem einzelnen Teilnehmer zeigen, dass nur eigenständig motivierte Verhaltensänderungen, die zu den Männern passen und die auch in ihrem persönlichen Interesse liegen, längerfristig aufrechterhalten bleiben. Der äussere Druck der Teilnahme und der gezielte Aufbau einer eigenständigen, inneren Motivation, etwas zu verändern, können als optimale Trainingsstrategie für diese Personengruppe betrachtet werden.

Neben den bereits beschriebenen Themen geht das Programm auch auf spezifische Problemstellungen wie Migration und bikulturelle Partnerschaften ein. Ein grosser Teil der Teilnehmer stammt nicht aus der Schweiz und bringt einen anderen kulturellen Hintergrund mit oder hat eine ausländische Partnerin. Auch in der Schweiz aufgewachsene junge Männer zeigen nicht selten eine betont abweichende Haltung zu Partnerschaften als ihre Sozialisation in der Schweiz hätte vermuten lassen. Zu den grossen Herausforderungen dieser Thematik gehört die Balance zwischen dem Verständnis für andere soziale Spielregeln und Normen einerseits und die Vermittlung der Verhaltensnormen unserer Gesellschaft. Die Gruppenleiterinnen und -leiter beziehen eindeutig Stellung gegen jegliche Formen der Ausübung von Gewalt, Macht und Kontrolle und arbeiten daran, die persönlichen Vorteile einer partnerschaftlichen Beziehungsgestaltung heraus zu arbeiten.

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Eine Textsammlung der Referate des 9. AGAVA-Kongresses zum Thema Menschen-Handel und Menschen-Ausbeutung in der Schweiz vom 3./4. September 2010

 

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